Von Simon Graser & Katrina Grecka
Homosexualität ist in vielen muslimischen Familien ein sensibles Thema. Selten wird darüber offen gesprochen. Eine Ablehnung ist oft präsent, obwohl der Koran Homosexualität gar nicht erwähnt.
Mete (*Name geändert) kommt aus einer gläubigen muslimischen Familie. Als Kind war er jedes Wochenende in der Koran-Schule. Dass er schwul ist, behielt der heute 22-Jährige lange Zeit für sich. „Wenn in den Nachrichten über Homosexualität berichtet wurde, hat meine Familie immer sehr negativ reagiert“, erzählt er. Ihm war klar, dass seine Eltern seine Sexualität nicht akzeptieren würden.
Homosexualität als Sünde
Mouhanad Khorchide ist Theologe und Soziologe. Er beschäftigt sich mit Homosexualität im Islam und kennt Geschichten wie jene von Mete gut.
„Manchmal kommen Studenten zu mir und fragen ‚für einen Freund‘, wie der Islam Homosexualität sieht. Es fällt ihnen immer ein Stein vom Herzen, wenn ich sage, dass Gott nur erwartet, dass sie sich selbst annehmen.“
Mouhanad Khorchide

© Wikimedia
Im Koran kommt Homosexualität nicht vor. Einzig ein Zitat aus der Geschichte von Lot wird vermehrt als Legitimation für Homophobie im Islam herangezogen. Der Prophet Lot lud Gäste ein, die dann von Männern überfallen wurden. Dieser Abschnitt (die „Sure“) lautet wie folgt:
„Lot sprach zu seinem Volk: Wollt ihr denn etwas so Schändliches begehen, worin noch niemand euch zuvorkam von den Weltbewohnern? Siehe, aus Lust verkehrt ihr mit den Männern statt mit Frauen. Nein, ihr seid ein Volk, das es zu weit treibt.“
Koran, Sure 7:80-81
Khorchide sieht in der Lot-Geschichte mehr eine Botschaft gegen Gastfeindschaft, als gegen Homosexualität. Andere Stellen, welche man als klare Positionierung des Korans gegen homosexuelle Beziehungen auslegen könnte, gibt es nicht.
Unter vielen Muslimen wird laut Khorchide vor allem „das Ausleben von Homosexualität“ abgelehnt. Folgender Podcast beschäftigt sich tiefergehend damit, was das genau bedeutet:
Homophobie als patriarchales Problem
Homophobie ist in islamischen Communities weiterhin aktuell. Auch Mete wurde vor einigen Jahren in der U-Bahn homophob beleidigt und anschließend ins Gesicht geschlagen. „Das war der Punkt an dem alles wieder hochgekommen ist in mir.“
Khorchide beschreibt Ereignisse wie diese klar als patriarchales, nicht als primär religiöses, geschweige denn islamisches Problem. Das Hauptargument gegen gleichgeschlechtliche Liebe sei laut dem Soziologen die Erwartungshaltung, wie ein Mann zu sein hat. Homosexuelle Männer brechen mit dieser Vorstellung und fallen somit auf. Weiter untermauert Khorchide diese These damit, dass von homosexuellen Frauen im Islam kaum bis gar nicht gesprochen wird. Homophobie wird „religiös begründet“, ist aber „kulturell patriarchal“ entstanden, so Khorchide.
„Muslime, die sich outen, haben trotzdem viel mehr Druck als alle anderen Gruppierungen. Mehr als Christen auf jeden Fall„, wirft Khorchide ein. Dies liege daran, dass der Islam im Vergleich zum Christentum, weltweit aktiver praktiziert wird.
Der Islam als meist praktizierte Religion
Eine Studie vom Pew Research Center (Pew) im Jahr 2025 erforschte, in welchen Ländern, der jeweilige Glauben am häufigsten praktiziert wird. Die Top 3 Länder, mit der prozentuellen Anzahl an täglich betenden Muslimen:
- Nigeria: 98%
- Kenia: 96%
- Indonesien: 95%
Zum Vergleich: Österreich kam in der Auswertung nicht vor. In Deutschland würden ca. 20% der Christen täglich beten. Eine weitere Pew-Studie (2025) untersuchte, wie wichtig Menschen verschiedener Länder, ihr Glauben sei. Hier resultierte ebenso, dass in jedem Land, in welchem auch Muslime leben, der Islam prozentuell dominierte.
Homosexuelle Muslime in Österreich
Laut Statistik Austria waren 2021 rund 750 Tausend Menschen in Österreich Muslime. Tendenz steigend. Ungefähr 2 bis 10 Prozent der österreichischen Gesamtbevölkerung sind laut der Wirtschaftskammer Österreich homosexuell. In einer Studie von PLOS Global Public Health (2025) wurde gemessen, dass 10,2 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Österreich, sich nicht heterosexuell fühlen.
Wenn man davon ausgeht, dass auch 2 bis 10 Prozent der Muslime in Österreich homosexuell sind, wären das zwischen 15 und 75 Tausend Personen. Das ist aber nur eine Vermutung. Die Datenlage zu praktizierter Religion sowie Sexualität ist begrenzt.
Coming Out von Muslimen
Homosexuelle Muslime haben also aus mehreren Gründen Schwierigkeiten sich zu outen. Primär, weil ein klassisches Männlichkeitsbild im Islam noch stark vorherrscht. Mete ist in seinem Freundeskreis und bei seinen Geschwistern allerdings geoutet. Seine beiden Schwestern fanden es zufällig heraus, als sie ihn beim Schreiben mit einem Mann erwischt haben. „Es war schon traumatisierend, wie sie reagiert haben„, beschreibt er diese Situation. Bei seinem Bruder, welcher als Polizist arbeitet, outete sich Mete selbst. Nach dem Vorfall in der U-Bahn benötigte er seine Hilfe. „Als ich im Krankenhaus war konnte ich nicht mal meine Mutter fragen, ob sie mir helfen kann.“ Metes Eltern wissen bis heute nicht von der Homosexualität ihres Sohnes. Khorchide beschreibt dies als „Leben in Parallelwelten“. Sich einem ausgewählten Kreis zu outen, zuhause aber eine Fassade aufrecht zu erhalten.
Positive Entwicklungen, wenn auch langsam

Mit Blick in die Zukunft seien aber durchaus auch positive Entwicklungen zu verzeichnen. In England fand 2024 eine muslimische Pride statt. Um Diskriminierungen zu vermeiden in einem Universitätsgebäude und nicht auf offener Straße. Sinnbildlich beschreibt das auch den aktuellen Stand der Entwicklung, wie ihn Khorchide wahrnimmt: Ein Umdenken findet statt, wenn auch sehr langsam.
„Eigentlich darf man sich nicht verstecken, aber wenn man wirklich Bedenken hat, dass das Coming Out negativ aufgenommen werden könnte, erstmal warten„, meinte Mete. Khorchide wiederum sieht seine Aufgabe darin, über die Fehlentwicklung des Islams aufzuklären. Für viele bleibt das Leben in der Parallelwelt vorerst der sicherste Weg.
Stellen, an die man sich als Betroffene:r wenden kann
- HOSI Wien: Coming Out Beratung
- Queer Base: Fokus auf queere Personen mit Flucht- und Migrationshintergrund
- Q:WIR: erstes queeres Jugendzentrum Österreichs