Sie haben gearbeitet, Kinder großgezogen, Angehörige gepflegt – und sind trotzdem arm. In Österreich trifft Altersarmut vor allem alleinstehende Frauen. Es muss sich etwas ändern, damit Frauen, die viel für die Gesellschaft geleistet haben, im Alter nicht am Existenzminimum leben.
Autorinnen: Christina Janik, Mareike Gagel

Morgens ist es kalt in Marta Bergers* Wohnung. Das Thermometer zeigt 17 Grad. Sie heizt grundsätzlich nicht. Das wäre zu teuer und würde ihr Budget sprengen. Die 74-Jährige lebt allein in Wien. Ihre Pension liegt beim Ausgleichszulagenrichtsatz von rund 1.200 Euro. (* Name von der Redaktion geändert)
Nach Abzug der Miete bleiben ihr für den Alltag ungefähr 400 Euro im Monat. Das reicht kaum für das Nötigste. Daher verzichtet Berger nicht nur auf eine beheizte Wohnung, sondern auch auf häufiges Duschen. Diesen „Luxus” gönnt sie sich maximal einmal pro Woche.
„Nicht weil ich gerne dreckig bin, sondern weil warmes Wasser teuer ist.“
Was die Wienerin erlebt, ist kein Einzelfall, sondern Alltag für viele von Armut betroffene Pensionisten in Österreich.
In Österreich wird Armut nach einer EU-weit einheitlichen Definition gemessen. Als armuts- oder ausgrenzungsgefährdet gilt, wer mindestens eines von drei Kriterien erfüllt: ein niedriges Haushaltseinkommen (unter 60 % des Medians), erhebliche materielle und soziale Benachteiligung oder eine sehr geringe Erwerbsintensität im Haushalt.
2024 lag die Armutsgefährdungsschwelle für Alleinlebende bei 1.661 Euro netto pro Monat. Der Indikator kombiniert relative und absolute Armut, sagt aber nichts darüber aus, wie gut Haushalte subjektiv mit ihrem Einkommen auskommen.
Fast jede fünfte Frau über 65 ist armutsgefährdet
Dabei ist das Phänomen der Altersarmut keineswegs gleich verteilt. Es trifft Frauen deutlich häufiger als Männer. In Österreich ist fast jede fünfte Frau über 65 armutsgefährdet. Bei Männern derselben Altersgruppe liegt der Anteil deutlich niedriger.
Besonders drastisch ist die Situation für alleinlebende Pensionistinnen: Rund 32 Prozent von ihnen gelten als armutsgefährdet – doppelt so viele wie bei alleinlebenden Pensionisten. Die Zahlen zeigen: Altersarmut ist kein Randphänomen. Und sie ist stark geschlechtsspezifisch.
Dabei bilden die Zahlen nicht einmal das gesamte Ausmaß ab. Denn der Indikator geht davon aus, dass Einkommen innerhalb eines Haushalts geteilt wird.
„Lebt eine Frau mit einem Partner zusammen, fließt dessen Einkommen mit ein – das senkt statistisch das Armutsrisiko“, sagt Nadja Lamei, Mitarbeitende von Statistik Austria. Würden die Einkommensdaten der Parteien innerhalb eines Haushalts einzeln ausgewertet werden, wäre die Zahl noch einmal deutlich höher, ergänzt sie.

Vom System im Stich gelassen
Im europäischen Vergleich schneidet Österreich schlecht ab: Zwar läge die allgemeine Armutsgefährdung unter dem EU-Durchschnitt, der Geschlechterunterschied im Alter sei hierzulande jedoch größer, erklärt Statistik-Expertin Lamei.
Dabei ist Armut kein Einzelschicksal oder Versagen der betroffenen Pensionistinnen. Es ist ein Produkt des Pensionssystems, betont Marie Chahrour, Soziologin und Armutsforscherin bei der Volkshilfe Wien.
Das österreichische System folgt dem sogenannten Äquivalenzprinzip: Wer viel und lange einzahlt, bekommt eine höhere Pension. Was erst einmal fair klingt, wird jedoch zum Problem für Frauen, deren Erwerbsbiografien durch Care-Arbeit häufiger unterbrochen sind. Chahrour betont:
„Das österreichische Pensionssystem ist auf eine idealtypische männliche Erwerbsbiografie ausgelegt: durchgehend Vollzeit, ohne Unterbrechungen. Wer diesem Modell nicht entspricht, wird benachteiligt.“
Familiengründung als Wendepunkt
Ein zentraler Abschnitt in vielen Frauenbiografien ist die Familiengründung. Ab diesem Punkt arbeiteten laut Chahrour viele entweder gar nicht mehr oder nur noch in Teilzeit – mit massiven Folgen für die spätere Pension. Zwar gibt es Anrechnungen für Kinderbetreuung, sie glichen jedoch keine durchgehende Vollzeiterwerbstätigkeit aus.
Hinzu käme unbezahlte Pflegearbeit. Angehörige würden oft über Jahre hinweg von weiblichen Verwandten betreut. Auch andere Faktoren erhöhen aus Chahrours Erfahrung das Risiko: Migration, gesundheitliche Einschränkungen oder Gewalt in der Partnerschaft.
„Erschreckend häufig haben Frauen berichtet, dass sie von ihren Partnern daran gehindert wurden, arbeiten zu gehen“, so die Armutsforscherin.
Auch Martha Berger hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Zwei gewaltbelastete Partnerschaften hätten sie dazu gebracht, ihren eigenen Lebensweg aus den Augen zu verlieren: „Ich habe enorme Kraft gebraucht, um mit meinen Kindern aus der Gewaltspirale auszubrechen.“
Die Situation spitzt sich zu
Die stark gestiegenen Lebenshaltungskosten der vergangenen Jahre haben die Situation der betroffenen Pensionistinnen weiter verschärft. Während Pensionen nur moderat angepasst wurden, sind vor allem Mieten, Energiepreise und Lebensmittelkosten deutlich stärker gestiegen.
Für Menschen wie Marta Berger bedeutet das: eine kalte Wohnung, nur Essen aus dem Sozialkaufhaus, keine Medikamente, und kaum soziale Teilhabe. All diese Faktoren wirken sich körperlich und mental aus und erhöhen die Wahrscheinlichkeit der Frauen krank zu werden.

Hebel gegen Altersarmut
Doch wie lässt sich die Altersarmut in Österreich senken und die Situation der Pensionistinnen verbessern? Für Armutsforscherin Chahrour bräuchte es kurzfristig vor allem eine Entlastung der Betroffenen durch mehr Sozialleistungen und eine höhere Mindestpension.
Langfristig gehe es jedoch um ein gesellschaftliches Umdenken: „Die geschlechterspezifischen Rollenbilder müssen sich ändern. Nur wenn Carearbeit gerechter aufgeteilt wird, werden Frauen einen wirklich gleichberechtigten Zugang zum Arbeitsmarkt haben – und damit zu einer fairen Pension.“