Statuen, Büsten und Gedenkzeichen strukturieren den öffentlichen Raum. Doch nicht alle historischen Akteur:innen sind darin gleich präsent. In Wien fällt nicht nur ein Mangel an weiblichen Denkmälern auf, sie sind häufig auch anders inszeniert.
Ein Bericht verfasst von: Emili Gozzo

Denkmäler gehören zu den dauerhaftesten Zeichen öffentlicher Erinnerung. Sie verweisen auf historische Personen, Ereignisse, gesellschaftliche Werte und machen sichtbar, welche Persönlichkeiten als erinnerungswürdig gelten. Eine Betrachtung der Wiener Denkmallandschaft zeigt dabei ein Ungleichgewicht: Frauen sind deutlich seltener vertreten als Männer, insbesondere als reale historische Persönlichkeiten. Mit dieser Form öffentlicher Erinnerung beschäftigt sich die Stadtführerin und Kulturvermittlerin Sandra Schäfer seit mehreren Jahren.
Ein Stadtbild mit klarer Gewichtung
Eine ungleiche Verteilung zwischen weiblicher und männlicher Repräsentation in Denkmälern lässt sich anhand einer bestehenden Dokumentation von 1998 zur Wiener Erinnerungskultur nachvollziehen. In der Publikation wird deutlich, wie stark Denkmäler im öffentlichen Raum geschlechtlich geprägt sind. Rund 71 Prozent der erfassten Denkmäler und Verkehrsflächenbenennungen sind Männern gewidmet, lediglich sieben Prozent erinnern an Frauen. Weitere sechs Prozent beziehen sich auf beide Geschlechter und Kinder gemeinsam, während 16 Prozent keine geschlechtsspezifische Zuordnung aufweisen. Die Zahlen machen sichtbar, wie gering der Anteil weiblicher Repräsentation im öffentlichen Raum bislang ist.
Zahlenanlage und Definitionsproblematik
Eine eindeutige, aktuelle Gesamtzahl weiblicher Denkmäler ist dennoch schwer festzustellen. Das liegt unter anderem an der breiten Definition des Denkmalbegriffs. Nach Angaben des Bundesdenkmalamts umfasst dieser unterschiedliche Objektarten. Laut Denkmalschutzgesetz reicht er von beweglichen und unbeweglichen Einzelobjekten über Gedenkzeichen, bauliche Anlagen und Ensembles bis hin zu Park- und Gartenanlagen, die von geschichtlicher, künstlerischer oder kultureller Bedeutung sind. Je nach Definition und Erhebungsmethode verändert sich damit die statistische Ausgangslage erheblich. Eine systematische, einheitliche Erfassung geschlechtsspezifischer Widmungen für den gesamten Wiener Denkmalbestand existiert bislang nicht.
Frauen als Allegorien und Randfiguren
Stadtführerin Schäfer weist darauf hin, dass Frauen im Wiener Stadtbild häufig nicht als historische Akteurinnen erscheinen. Wenn sie sichtbar werden, dann meist in symbolischer Form, als ,,Allegorien wie Pallas Athene oder die Austria‘‘, erklärt sie. Eine weitere, häufige Form weiblicher Darstellung sei die Figur der Klagenden und Trauernden, die vor allem im Zusammenhang mit Kriegs- und Mahnmalen auftrete.
Ein Beispiel dafür befindet sich am Wiener Zentralfriedhof. Die dortige Denkmalanlage wurde 1948 realisiert und geht auf den Bildhauer Fritz Cremer sowie den Architekten Wilhelm Schütte zurück. Die figürliche Gestaltung thematisiert den Widerstand gegen den Faschismus, das Gedenken an die Opfer sowie die Auseinandersetzung mit Gewalt und Unterdrückung.

Auch bei prominenten Denkmälern mit weiblichem Namen steht nicht zwingend die Person im Mittelpunkt. Das zeigt das fast 20 Meter hohe und 44 Tonnen schwere Maria-Theresia-Denkmal am Maria-Theresien-Platz an der Wiener Ringstraße. Zwischen 2008-2013 wurde das Denkmal um rund 1,6 Millionen Euro generalsaniert. Es zählt zu den größten Standbildern Wiens. Ein genauer Blick auf das Maria-Theresia-Denkmal zeigt: Sie ist von Männern umgeben. Es sind Generäle, Staatsmänner, Berater, Künstler und Wissenschaftler ihrer Zeit. Die Figuren treten hier also nicht als Nebenfiguren, als Beiwerk auf, sondern symbolisieren die Säulen der Herrschaft Maria Theresias.
,,Das ist ja kein Denkmal für die Maria Theresia, sondern für ihre Zeit.“
Sandra Schäfer
Unterhalb des Thrones sind vier Frauengestalten angeordnet, die nicht als historische Personen, sondern als Allegorien der Kardinaltugenden Gerechtigkeit, Stärke, Milde und Weisheit auftreten.

Das Maria-Theresien-Denkmal ist das größte Denkmal Wiens. Es erscheint als Ehrung der Kaiserin, rückt jedoch durch die dominante Platzierung männlicher Figuren vor allem männliche Macht- und Wissenseliten in den Vordergrund. ©Stadler/Bwag; CC-BY-SA-4.0.
Denkmäler für namentlich bekannte Frauen bilden in Wien Ausnahmen.
Zu den wenigen Beispielen zählen das Kaiserin-Elisabeth-Denkmal im Volksgarten oder das Hansi-Niese-Denkmal nahe dem Volkstheater.
Eine besondere Stellung nimmt das Denkmal für die Sozialreformerin Auguste Fickert im Türkenschanzpark ein, da es zu den ersten Denkmälern zählt, die einer realen, namentlich bekannten Frau gewidmet sind. Es sei 1929 auf Initiative eines Frauenkomitees errichtet worden, wie Schäfer erklärt.

Ein Arkadenhof, der jahrzehntelang nur Männer ehrte
Ein zentrales Beispiel institutioneller Erinnerungskultur ist der Arkadenhof der Universität Wien. Dort erinnerten jahrzehntelang 154 Büsten und Gedenktafeln ausschließlich an männliche Wissenschaftler. Auf dieses Ungleichgewicht machten zunächst temporäre künstlerische Projekte aufmerksam. Dazu zählten Iris Andrascheks Bodeninstallation „Der Muse reicht’s“ (2009) sowie die Ausstellung „Radical Busts“ im Jahr 2015, bei der 33 skulpturale Porträts von Denkerinnen, Künstlerinnen und Aktivistinnen gezeigt wurden. Beide Projekte waren zeitlich begrenzt und führten nicht zu dauerhaften Ehrungen. Erst ab 2016 wurden im Arkadenhof dauerhaft sieben Wissenschaftlerinnen gewürdigt, darunter Elise Richter, Lise Meitner, Charlotte Bühler, Marie Jahoda, Berta Karlik, Olga Taussky-Todd und Grete Mostny-Glaser.


Mitbegründerin der empirischen Sozialforschung, bekannt für Studien zu Arbeit und Arbeitslosigkeit. Gestaltet von Catrin Bolt (2016). ©Sandra Folie, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0 Creative Commons licence

Physikerin und erste ordentliche Professorin der Universität Wien. Gestaltet von Thomas Baumann (2016). ©Sandra Folie, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0 Creative Commons licence

Kernphysikerin, deren Arbeiten entscheidend zur Erklärung der Kernspaltung beitrugen. Gestaltet von Thomas Baumann (2016). ©Sandra Folie, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0 Creative Commons licence

Archäologin und langjährige Direktorin des Naturgeschichtlichen Museums in Santiago. Gestaltet von Karin Frank (2016). ©Sandra Folie, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0 Creative Commons licence

Erste habilitierte Frau der Universität Wien, 1938 aus dem akademischen Leben verdrängt. Gestaltet von Catrin Bolt (2016). ©Sandra Folie, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0 Creative Commons licence

Mathematikerin mit internationaler Karriere und bedeutenden Beiträgen zur linearen Algebra. Gestaltet von Karin Frank (2016). ©Sandra Folie, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0 Creative Commons licence
Was bedeutet Erinnerungskultur? Erinnerungskultur bezeichnet die bewusste und kollektive Auseinandersetzung von Gesellschaften mit ihrer Vergangenheit, die sich in Bildern, Symbolen, Erzählungen, Denkmälern und Sprache ausdrückt. Sie ist wichtig, weil sie sichtbar macht, wie Geschichte in der Gegenwart gedeutet wird und welche Perspektiven, Machtverhältnisse und Deutungsmuster dabei wirksam sind.
Denkmäler als kulturelle Setzungen
Die Kunstpädagogin Birgit Dorner ordnet Denkmäler als kulturelle Entscheidungen ein, die nicht neutral seien, sondern gesellschaftliche Aushandlungsprozesse widerspiegelten. Denkmäler sind für die Kunstpädagogin Inszenierungen, mit denen ausgewählte Aspekte einer Person oder eines Ereignisses hervorgehoben werden. Ihre Wirkung sei jedoch nicht dauerhaft garantiert, da sich ästhetische Ausdrucksformen und gesellschaftliche Kontexte verändern, so die Expertin. Daraus ergibt sich für Dorner die Frage, welche Form von Erinnerung ein Denkmal leisten soll und wie es in gegenwärtige Lebenswelten eingebettet ist. Erinnerungskultur entfaltet ihrer Ansicht nach vor allem Wirkung, wenn sie für die Betrachtenden einen Bezug zur eigenen Gegenwart herstellt; reine Faktendarstellungen oder symbolische Setzungen ohne Kontext reichen dafür nicht aus.
Aktuelle Perspektiven
Schäfer bewertet klassische Denkmalsetzungen zurückhaltend: ,,Ich glaube nicht, dass es sinnhaft ist, wenn man jetzt überall auf einmal Denkmäler von Frauen aufstellt“. Entscheidend sei weniger die Ausweitung weiblicher Denkmäler, als einen zeitgemäßen Bezug herzustellen. Die Kulturvermittlerin weist darauf hin, dass Denkmäler ohne begleitende Vermittlung im Alltag häufig nicht mehr wahrgenommen werden. Häufig gingen Menschen an Denkmälern vorbei, ohne deren Bedeutung wahrzunehmen oder zu hinterfragen. Mit der Zeit werden sie Teil des Alltags, sagt Schäfer, und irgendwann „wie ein Möbelstück, das man nicht mehr sieht“. Sichtbarkeit entstehe daher nicht allein durch physische Präsenz, sondern auch durch Erklärung, Kontextualisierung und Auseinandersetzung. Gleichzeitig betont sie: „Sichtbarkeit ist einfach extrem wichtig.“
Um vorhandene Denkmäler zu erklären und in einen zeitgemäßen Zusammenhang zu stellen, verweist Schäfer auf neue Formen der Erinnerungskultur, die Aufmerksamkeit erzeugen und bestehende Zeichen öffentlicher Erinnerung neu lesbar machen sollen, ohne Denkmäler zu entfernen. Ein Beispiel für zeitgemäße Erinnerungskultur ist das Projekt ,,LichtStrauss‘‘ im Wiener Stadtpark, bei dem im Johann-Strauss-Jahr 2025 mithilfe von Lichtkunst und Augmented Reality temporär Frauen aus der Operettengeschichte in den öffentlichen Raum geholt wurden- und damit weibliche Präsenz sichtbar machten, wo Denkmäler sonst ausschließlich Männern gewidmet sind.
von Emili Gozzo
Weitere Ansichten zur Denkmalanlage und Grabstätte

©Emili Gozzo
