Medical Gaslighting: Wenn Symptome nicht ernst genommen werden

Ihr ganzes Leben lang leidet Verena Buck unter Schmerzen, doch niemand kann ihr sagen warum. Von ihren Ärzt:innen fühlt sie sich oft nicht ernst genommen. Erst nach 27 Jahren bekommt sie eine Antwort auf ihre Frage. Auch wenn verzögerte Diagnosen keine Absicht sind, haben sie oft weitreichende Folgen für Betroffene.

Von Isabella Hain und Christina Jauschnegg

Patientin im rosa Rollkragenpullover spricht mit einer Ärztin in weißem Kittel und Stethoskop vor rosa Hintergrund – symbolisiert ein medizinisches Beratungsgespräch.
Studien zufolge warten Frauen oft länger auf eine richtige Diagnose als Männer und erhalten bei der Behandlung seltener ausreichend Schmerzmittel. @Thirdman/Pexels

Stechende Schmerzen, Bauchkrämpfe und Ohnmachtsanfälle – schon mit 13 Jahren merkt Verena Buck, dass mit ihrem Körper etwas nicht stimmt. Während ihrer Monatsblutung hat sie starke Schmerzen, kann dadurch oftmals nicht zur Schule gehen. Aus ihrem Umfeld hört sie immer wieder, sie müsse „die Schmerzen aushalten“ und „so schlimm wird das nicht sein“. Auch der Besuch bei ihrer Gynäkologin bringt keine Erklärung. „Das kann schon mal sein, dass Sie Regelschmerzen haben, nehmen Sie ein Ibuprofen“, empfiehlt man ihr dort.

Schmerzmittel wie Ibuprofen schafften laut der heute 43-Jährigen nur kurzzeitig Linderung, die Beschwerden blieben jedoch bestehen. Sie litt unter starken Schmerzen, nach manchen Arbeitstagen brach sie zu Hause vor Erschöpfung zusammen. Sie wusste, dass etwas nicht in Ordnung war, „aber wenn das Umfeld immer sagt, da ist nichts, fängt man irgendwann an, das selbst zu glauben“.

Porträt von Verena Buck
Verena Buck, Patient:innenvertreterin bei EndÖ, setzt sich nach jahrzehntelangen Fehldiagnosen für bessere Versorgung und mehr Bewusstsein für Endometriose ein.

© Verena Anna Buck; fotografiert von Pilar Schacher

Nicht gehört, nicht versorgt

Bucks Geschichte ist kein Einzelfall. Das Phänomen „Medical Gaslighting“ beschreibt eine Diskriminierung im Gesundheitsbereich, bei der sich Patient:innen von medizinischem Fachpersonal nicht ernst genommen fühlen und den Eindruck haben, ihre Symptome werden heruntergespielt. Das zeigt sich häufig darin, dass Patient:innen keinen zeitnahen Behandlungstermin erhalten oder benötigte Leistungen verweigert bekommen. In einigen Fällen kommt es sogar zu direkten Abweisungen durch Ärzt:innen oder Krankenhäuser.

Buck erlebte Medical Gaslighting, indem ihre Beschwerden über Jahre hinweg als rein psychische Problematik behandelt wurden. Sie musste mehrmals Zeit in psychiatrischen Einrichtungen verbringen und bekam Psychopharmaka verabreicht. „Ich hatte immer eine wahnsinnige Übelkeit und an manchen Tagen habe ich wirklich gedacht, ich sterbe“, erzählt die gelernte Floristin.

Endometriose ist eine der häufigsten Unterleibserkrankungen bei Frauen und wird im Schnitt erst nach sieben bis neun Jahren diagnostiziert. Da die Ursache der Krankheit bis heute nicht geklärt ist, kann Endometriose derzeit noch nicht vollständig geheilt werden.

Erst als ihr vergangenes Jahr die Gebärmutter entfernt wurde, stellte man bei ihr eine Form der tief-infiltrierenden Endometriose fest. Dabei siedelt sich Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut ähnelt, außerhalb ihrer Gebärmutter an und verursacht Entzündungen, starke Schmerzen und Vernarbungen.

„Ich hatte immer eine wahnsinnige Übelkeit und an manchen Tagen habe ich wirklich gedacht, ich sterbe.“ – Verena Buck

Keine bewusste Manipulation

Immer wieder hörte Buck von Ärzt:innen den Satz: „Da ist nichts.“ Ein Phänomen, das mit dem Begriff Medical Gaslighting (sinngemäß medizinische Manipulation) 2022 in einem Artikel der New York Times erstmals einen Namen bekommt. Laut Ulrich Körtner, dem ehemaligen Leiter des Instituts für Ethik und Recht in der Medizin (IERM) an der Universität Wien, ist der Begriff jedoch irreführend, da Ärzt:innen meist nicht bewusst manipulativ handeln. Für diesen Bericht wurden noch weitere medizinische Vertreter angefragt, diese wollten jedoch keine Aussage tätigen.

Der Begriff “Gaslighting” ist auf das britische Theaterstück “Gas Light” (zu Deutsch Gaslicht) zurückzuführen. Darin manipuliert ein Ehemann seine Frau, sodass sie glaubt, psychisch krank zu sein. Gaslighting bezeichnet demnach eine Form der psychischen Gewalt, bei der eine Person eine andere dazu bringt, ihre geistige Gesundheit, ihre Erinnerungen oder ihre Wahrnehmung der Realität infrage zu stellen.

Porträt von Ulrich Körtner
Ulrich Körtner forschte zur Ethik medizinischer Entscheidungspraxis und Patientenrechte.

© Fotostudio Staudigl/Sonja Magdihs

Eine Studie der Arbeiterkammer Wien zeigt: Acht Prozent der rund 2.300 Befragten berichten, in den vergangenen drei Jahren bei medizinischer Versorgung schlechter behandelt worden zu sein. Vor allem Frauen, ältere Menschen, ethnische Minderheiten und Personen mit körperlichen Beeinträchtigungen sind davon betroffen. Körtner zufolge kommt es zu einer Schlechterbehandlung besonders bei chronischen Erkrankungen und seltenen Krankheitsbildern, wie Endometriose oder Long Covid.

27 Jahre lang suchte Buck bei rund 200 Ärzt:innen nach einer Erklärung für ihre Schmerzen. Statt Antworten erhielt sie Ratschläge:  Sie sollte mehr Obst und Gemüse essen, ihr Stressmanagement verbessern und mehr Sport machen. Buck fühlte sich lange Zeit nicht gehört, nicht ernst genommen.

Diagnose unter Druck

Doch wie kommt es zu Medical Gaslighting? Laut Körtner spielt die Kommunikation zwischen Ärzt:innen und Patient:innen eine entscheidende Rolle. Ob ein ärztliches Gespräch erfolgreich ist oder nicht, hat einen direkten Einfluss auf den Heilungsprozess. „Wie bringen Patient:innen ihre Symptome zur Sprache und wie kommt das beim Gegenüber an?“, sind Fragen, die der Medizinethiker hierzu stellt. Patient:innen befinden sich in einer vulnerablen Position, sie sind abhängig von den Meinungen und Entscheidungen der Ärzt:innen.

Neben der zwischenmenschlichen Kommunikation ist auch Zeit ein Faktor. Ärzt:innen stehen täglich unter hohem Druck und haben oft nur wenige Minuten, bevor sie zum nächsten Patienten übergehen müssen, erklärt Körtner. Seltene Erkrankungen zu diagnostizieren, sei weniger Routine. Vielmehr brauche man dazu Laborbefunde und genauere Untersuchungen. „Daher liegt es vielleicht auf der Hand zu sagen, es ist psychosomatisch“, erklärt der frühere Institutsleiter. Ärzt:innen müssen in ihrer Ausbildung für das Phänomen Medical Gaslighting sensibilisiert werden. Bisher werde das kaum thematisiert.

Bis zur Berufsunfähigkeit

Lange Diagnosewege und Fehldiagnosen wirken sich unterschiedlich auf Patient:innen aus – allen gemein ist der längere Leidensweg. Auswirkungen sind etwa Symptome wie chronische Schmerzen oder Beeinträchtigungen in der Bewegungs- oder Konzentrationsfähigkeit. Dadurch entstehen neben einer verschlechterten Lebensqualität unter Umständen auch Einschränkungen im Berufsalltag. Der Medizinethiker meint, das reicht vom Fehlen am Arbeitsplatz bis hin zur vollständigen Berufsunfähigkeit.

Verena Buck muss aufgrund psychischer Probleme durch ihren jahrelangen Leidensweg 2018 in Berufsunfähigkeitsrente gehen. Psychische Folgen sind für Betroffene von Medical Gaslighting keine Seltenheit. Körtner erklärt, dass es „über depressive Stimmungen hinaus zu ernsthaften Depressionszuständen und unter Umständen zu suizidalen Situationen führen“ kann. Das gelte auch für Menschen, deren Krankheitsursachen nicht psychischer Natur seien.

Körtner rät, verschiedene Ärzt:innen aufzusuchen und seine Symptome sowie bisherigen Behandlungen genau zu dokumentieren. Oftmals kann es außerdem helfen, Angehörige in den Behandlungsraum mitzunehmen oder sich an eine Patientenanwaltschaft zu wenden. Für Buck waren Selbsthilfegruppen der richtige Weg: „Ich habe jahrelang geglaubt, ich bin die Einzige, aber heute weiß ich, es betrifft viele.“

Stellen für Betroffene von Medical Gaslighting: